P. Solomon Raj

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P. Solomon Raj: Christliche Kunst in Indien

2. Anmerkungen zu indischen Künstlern, die christliche Themen aufgreifen

Matthew Lederle führt die Anfänge eines Interesses an christlicher Kunst zurück auf die mit dem Ende des 18. Jahrhunderts beginnende sogenannte 'moderne Periode' Indiens. Diese brachte die Erneuerung der indischen Gesellschaft und mit sozial-religiösen -Reformbewegungen wie z. B. der Bhrahmosainaj die Entdeckung einer geistigen Verwandtschaft zu Jesus und seiner Lehre.

Dieser Ansatz manifestierte sich an Orten wie Shatiniketan. Hier liegt nach Lederle auch die Erklärung dafür, wieso es in der Moderne möglich wurde, dass Christusbilder im indischen Stil entstehen konnten, und wieso die Initiative dazu von nichtchristlichen Künstlern ausging.

Richard Taylor berichtet, dass über mehrere Jahrzehnte bis in die 60er Jahre hinein jeder indische Maler von Rang Bilder von Jesus Christus malte.

Wir müssen dankbar eingestehen, dass christliche Künstler wie Angelo da Fonseca und Vinayak Masojiwere aus der Kunstschule des Shatiniketan Ashram hervorgegangen sind. Andere, wie A. D. Thomas und Frank Wesley, haben Kunst unter Lehrern studiert, die ihrerseits in Shatiniketan in der Lehre gewesen waren. M. Lederle berichtet, dass um 1930 verschiedene künstlerisch begabte junge Christen der im Entstehen begriffenen sozialpolitischen Befreiungsbewegung nahestanden.

Was die Malweisen betrifft, so haben frühe Meister der Moderne den klassischen Stil beibehalten. Das gilt z. B. für A. D. Thomas ebenso wie für Angelo da Fonseca. Mit leichten Wasserfarben und klaren Linien sind sie, was Farbtreue und anatomische Genauigkeit betrifft, streng bei den geltenden Regeln geblieben. Frank Wesley hat in zahlreichen seiner wunderbaren Wasserfarbbildern dieselbe Malweise angewendet, aber er hat auch mit Temperafarben auf Papier Miniaturen gemalt. Ein  [-5-]   bedeutsames Merkmal, das wir immer wieder bei den Christusdarstellungen von Wesley finden, ist eine hohe helle Stirn. Eine hohe Stirn ist ein Zeichen für Weisheit, und die helle Hautfarbe bedeutet Verstand und Erleuchtung, 'purusha'.

Gesicht in vereinfachender Malweise, angelehnt an die Technik des MetalltreibensVinayak Masoji hat in eindrucksvoller Weise christliche Motive dargestellt, z. B. einen Linolschnitt mit dem gekreuzigten Christus. Alphonso, ein jüngerer Künstler und früher ein Schüler von K. C. S. Panikkar, ist heute Leiter der Staatlichen Kunstschule in Madras. Er hat seinen eigenen Stil entwickelt: er arbeitet mit getriebenem Blech, und sein Christusbild erscheint mit weit geöffneten, übergrossen Augen ohne Pupille und Iris.

Dreiköpfige /dreigesichtige GottheitSchwester Claire und Schwester Genevev sind zwei römisch-katholische Künstlerinnen von Ruf Ihre Arbeiten sind durch die Kunstpostkarten der 'Art India'-Serien aus Poona weit verbreitet. Die meisten Motive dieser Bildkarten stammen aus der Geburtsgeschichte und zeigen indische Madonnen, indische Klippen, Frauen vorn Lande bei der weihnachtlichen Geburt, u. ä. mehr. Schwester Claire hat immer wieder Kastenzeichen benutzt, z. B. einen roten Punkt, 'bindu', auf der Stirn der Maria. Auf vielen Karten finden sich die punktförmigen weissen alpana-Zeichen oder ornamentale Randstreifen wie bei indischen Stoffdrucken.
    Schwester Genevev ist gegen den Gebrauch von hinduistischen Symbolen. Sie ist der Auffassung, dass die symbolischen Zeichen des Hinduismus religiös zu stark eingebunden sind und dass es schwer, wenn nicht gar unmöglich ist, ihnen eine neue Bedeutung zu geben. Darum sind solche Zeichen nach ihrer Meinung für christliche Bilder unangemessen und unbrauchbar.

Drei Sanskrit-Zeichen für den Laut 'aom' Tanzender ChristusJyothi Sahi ist einer der jüngeren Künstler und Laientheologen, seine Bilder stecken voller Symbolismen, die er aus der Bilderwelt des Hinduismus entleiht. Der 'thrimurthi' ist eine dreiköpfige Figur, die die Trinität vor Augen stellt. Christus, der vor dem Kreuz des Lebensbaums tanzt; die 'aõm'-Symbolik; die auf einem Blatt des Pipal-Baumes gemalte Szene, wie Christus dem Petrus die Füsse wäscht, sowie zahlreiche Mandalas all diese Arbeiten sind wohlbekannt. Jyothi Salli hat das Wissen und die [-6-]  Fertigkeit, traditionelle Vorstellungen überzeugend neu zu reflektieren. Beispiel eines MandalaEr ist so ziemlich der einzige Künstler, der fähig ist, einem hinduistischen Symbol eine neue Bedeutung zu geben. Natürlich wird ihm manchmal vorgeworfen, dass er es übertreibe. Aber viele stimmen mit Jyothi Sahi überein, dass es wichtig ist, auf diesem Gebiet etwas zu wagen und sich für den indischen Menschen verständlich auszudrücken. Oder wie Taylor sagt: "Solange es in dieser Welt ein Bindestrich-Christentum gibt, wird es ein Bindestrich-Christusbild geben, das aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist, d. h. eine Bindestrich-Kunst christlicher Prägung."

verlängerte AugenformUnter den Nichtchristen, die sich christlichen Themen zugewendet haben, sind besonders Shaiwaux Chavda, K. S. C. Panikkar und Jamini Roy zu nennen. Wie bereits angedeutet, sind die anziehendsten Motive für Nichtchristen die Geburt und das Leiden Christi. J. Roy hat aber auch andere Themen bearbeitet wie z. B. die Flucht nach Ägypten. Berühmt ist sein Bild vorn Letzten Abendmahl. Hier sehen wir die für Roy typischen überlangen Augen, die für seine Darstellung von Menschen ein beständiges Kennzeichen sind. J. Roy sollte auch erwähnt werden wegen seiner in der Tradition der Volkskunst von Kalighat mit ihren weissen Punkten wunderschön gemalten Holzfigürchen.

Kurz: die Frage nach dem Christus, der unterwegs ist auf den Strassen Indiens, d. h. die Frage nach der Kontextualisierung und Inkulturation des Evangeliums beschäftigt die Gemüter von Künstlern und Theologen in Indien ebenso wie anderswo.

Welche Botschaft vermitteln aber nun die genannten Künstler mit ihren Bildern? Glücklicherweise gibt es nicht nur narrative Arbeiten von zeitgenössischen indischen Künstlern. Mit narrativ meine ich z. B. die Wiedergabe von biblischen Geschichten wie in meiner Batik 'Die Grossen Feste der orthodoxen Christenheit', erzählt und gestaltet in der Sprache und Gestaltungsmöglichkeit des interpretierenden Künstlers.

Andere Künstler, Bairagi zum Beispiel, haben mit sozialem Engagement Bilder geschaffen, die Armut, Unterdrückung und [-7-]  Leiden zum Gegenstand haben. Nach R. Taylor ist Bairagi einer der ersten Künstler mit diesem Interesse.

Mein eigener Holzschnitt 'Christus und die Flüchtlinge' entstand, als Ostpakistan, das heutige Bangladesch, sich im Krieg von Indien trennte. Das Bild ist rund um die Welt immer wieder gezeigt worden, unlängst noch im Trierer Diözesan-Museum in der Ausstellung 'Die Suche nach dem Christusbild'. Meine Batiken 'Hagar und der verkündigende Engel', 'Flucht nach Ägypten' u. a. mehr lassen ebenfalls die Anteilnahme am Schicksal der Heimatlosen und Armen erkennen. Die 12 Farbholzschnitte der Serie 'Gottes Geist befreit' sind seit dem Kirchentag im Ruhrgebiet bekannt. Auch diese Bilderreihe zum Lukasevangelium ist eine Reaktion auf die menschlichen Nöte der Gegenwart.

Eine Stimme derjenigen zu sein, die keine Stimme haben, dieses Anliegen wird heute aus vielen Arbeiten indischer Künstler spürbar. Die Batik 'Das feuerflammende Rad Gottes', die Hans Ruedi Weber 1984 mit seinem Buch 'Emmanuel' bekannt gemacht hat, hat eine eindringliche Botschaft. Die Inspiration zu diesem Bild bekam ich durch den revolutionär humanistischen Dichter Srirangam Srinivaso, der die reichen Unterdrücker um der Armen und Zertretenen willen herausforderte. Das ursprüngliche Lied 'The Chariot Wheels of God' von 1940 ist in meiner Muttersprache Telugu sehr bekannt. Die Verknüpfung von Gedicht und Bild fällt leicht, wenn man mein Bild sieht. Ich füge hinzu, dass es von mir auch Besinnungs- und Meditationsbilder zu biblischen Themen gibt, z. B. 'Die bleibende Gegenwart' zu Psalm 139.

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